BFH kippt fiktive Zinsen bei Kaufpreisstundungen

BFH kippt fiktive Zinsen bei Kaufpreisstundungen
  • 23.07.2026
  • Lesezeit 6 Minuten

Der BFH stärkt zinslose Kaufpreisstundungen im Privatvermögen: Fiktive Zinsanteile dürfen nicht allein aus der Ratenzahlung abgeleitet werden. Für Nachfolgeplanungen schafft das mehr Sicherheit.

Der Bundesfinanzhof (BFH) vollzieht bei zinslosen Ratenzahlungsvereinbarungen im Privatvermögen eine deutliche Kehrtwende. Wird ein Vermögensgegenstand entgeltlich übertragen und der Kaufpreis ausdrücklich zinslos gestundet, dürfen die Raten nicht allein deshalb in einen Tilgungs- und einen Zinsanteil aufgespalten werden. Das Urteil vom 24. März 2026 – VIII R 30/24 stärkt damit die zivilrechtliche Vereinbarung und nimmt § 12 Abs. 3 BewG die bisherige Funktion als Einfallstor für fiktive Kapitalerträge. Für private Vermögensübertragungen eröffnet die Entscheidung spürbar mehr Planungssicherheit, verlangt aber eine präzise vertragliche Umsetzung. 

Der Streitfall 

Ausgangspunkt war eine typische Gestaltung aus der privaten Nachfolgeplanung. Eltern verkauften ihrer Tochter ein bebautes Grundstück zum Verkehrswert. Eine sofortige Kaufpreiszahlung war wirtschaftlich nicht darstellbar; deshalb wurde der Kaufpreis gestundet und in monatlichen Raten zurückgeführt. 

Der Vertrag war dabei eindeutig formuliert. Eine Verzinsung war nicht vereinbart. Jede Rate sollte vollständig auf den Kaufpreis angerechnet werden. Die Raten waren damit nicht teilweise Gegenleistung für die spätere Zahlung, sondern dienten ausschließlich der Erfüllung der Kaufpreisforderung. 

Das Finanzamt sah darin gleichwohl eine entgeltliche Kapitalüberlassung. Es leitete aus § 12 Abs. 3 BewG einen typisierten Zinsanteil ab und erfasste diesen bei den Eltern als Einkünfte aus Kapitalvermögen nach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG. 

Bisherige Praxis  

Die Auffassung des Finanzamts war nach der bisherigen Rechtsprechung nicht fernliegend. Bei längerfristig unverzinslich gestundeten Kaufpreisforderungen wurde regelmäßig unterstellt, dass die späteren Zahlungen wirtschaftlich neben der Tilgung auch ein Entgelt für die zeitliche Überlassung des Kapitals enthalten. 

Dreh- und Angelpunkt war dabei § 12 Abs. 3 BewG. Die Vorschrift sieht für bestimmte unverzinsliche Forderungen mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr eine Abzinsung vor. Aus dieser bewertungsrechtlichen Rechengröße wurde einkommensteuerlich ein fiktiver Zinsanteil abgeleitet, der beim Veräußerer als Kapitalertrag erfasst wurde. 

Für Gestaltungen im Privatvermögen war das ungünstig. Eine ausdrücklich zinslose Kaufpreisabrede wurde steuerlich nicht anerkannt. Gerade in Familienkonstellationen, in denen der Kaufpreis bewusst gestreckt, aber nicht verzinst werden soll, entstand damit ein Besteuerungsrisiko, das mit der zivilrechtlichen Vereinbarung nur schwer zu vereinbaren war. 

Der Kurswechsel des BFH 

Der VIII. Senat des BFH hält an dieser Linie nicht länger fest. Ausgangspunkt der Besteuerung ist die Kaufpreisvereinbarung. Haben die Parteien wirksam geregelt, dass die Raten vollständig auf den Kaufpreis geleistet werden und die Stundung zinslos erfolgt, ist dies auch einkommensteuerlich zugrunde zu legen. 

Damit fehlt es an einem steuerpflichtigen Entgelt für eine Kapitalüberlassung im Sinne von § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG. Die spätere Fälligkeit des Kaufpreises reicht nicht aus, um ein nicht vereinbartes Nutzungsentgelt zu fingieren. § 12 Abs. 3 BewG kann diese Lücke nicht schließen. Die Vorschrift bleibt eine Bewertungsregel; sie begründet im Privatbereich keinen Kapitalertrag. 

Der BFH knüpft seine Rechtsprechungsänderung zudem an die seit 2009 geltende Systematik der Kapitalertragsbesteuerung. Seit Einführung der Abgeltungsteuer sind unter bestimmten Voraussetzungen auch realisierte Wertveränderungen sonstiger Kapitalforderungen steuerbar. Umso wichtiger ist die Trennung zwischen einem laufenden Entgelt für Kapitalüberlassung und der bloßen Rückzahlung einer Kaufpreisforderung. 

Kein Rückzahlungsgewinn durch die Hintertür 

Der BFH beschränkt sich nicht auf § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG. Er prüft auch, ob aus der ratenweisen Erfüllung der Kaufpreisforderung ein Rückzahlungsgewinn nach § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7, Abs. 2 Satz 2 und Abs. 4 Satz 1 EStG entstehen kann. 

Auch diesen Weg versperrt der Senat. Werden die Raten vereinbarungsgemäß ohne Zinsanteil gezahlt, sind sie in voller Höhe als Tilgungsleistungen zu behandeln. Eine Aufteilung in einen abgezinsten Barwert als Anschaffungskosten der Forderung und einen steuerpflichtigen Differenzbetrag zum Nominalwert findet nicht statt. 

Damit vermeidet der BFH eine Besteuerung desselben Vorgangs über einen alternativen Tatbestand. Was vertraglich als Rückführung der Kaufpreisforderung ausgestaltet ist, wird nicht über den Umweg eines Rückzahlungsgewinns erneut in einen steuerpflichtigen Zinsertrag umgedeutet. 

Schenkungsteuer: keine Zuwendung allein durch spätere Zahlung 

Auch schenkungsteuerlich setzt der BFH einen klaren Akzent. Die bloße zinslose Stundung der Kaufpreisforderung ist für sich genommen keine freigebige Zuwendung eines Zinsvorteils nach § 7 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG. 

Entscheidend ist die fehlende Vermögensverschiebung. Die Erwerberin erhält durch die Stundung keine Geldsumme aus dem Vermögen der Verkäufer zur Nutzung. Sie wird lediglich später mit dem Kaufpreis belastet. Das verbessert ihre Liquiditätssituation, führt aber nach der Entscheidung nicht automatisch zu einer schenkungsteuerbaren Zuwendung. 

Unberührt bleibt die Bewertung des Grundgeschäfts. Entspricht der Kaufpreis nicht dem Verkehrswert, kann weiterhin eine gemischte Schenkung vorliegen. Das Urteil betrifft die Stundung einer dem Grunde und der Höhe nach entgeltlichen Forderung; die Angemessenheit der Gegenleistung muss weiterhin eigenständig geprüft und dokumentiert werden. 

Was die Entscheidung nicht regelt 

Die Reichweite des Urteils ist klar zu begrenzen. Der BFH entscheidet über eine vollentgeltliche Übertragung im Privatvermögen und eine zinslose Stundungsabrede, die steuerlich anzuerkennen war. 

Anders kann es aussehen, wenn die Vertragsgestaltung wirtschaftlich doch ein Entgelt für die Stundung enthält. Ein klassischer Risikofall ist ein niedrigerer Barkaufpreis bei sofortiger Zahlung gegenüber einem höheren Ratenkaufpreis. Die Differenz kann dann auf eine verdeckte Zinsabrede hindeuten. 

Nicht entschieden ist außerdem die Behandlung im Betriebsvermögen. Dort greifen eigenständige Gewinnermittlungs-, Bilanzierungs- und Abzinsungsregeln. Eine Übertragung der Grundsätze auf betriebliche Forderungen, Verbindlichkeiten oder Veräußerungsvorgänge verbietet sich daher ohne gesonderte Prüfung. 

Auch andere Besteuerungstatbestände bleiben unberührt. Bei Grundstücken ist insbesondere § 23 EStG zu prüfen, wenn die Veräußerung innerhalb der steuerlich relevanten Frist erfolgt. Bei Anteilen an Kapitalgesellschaften oder sonstigem steuerlich verstricktem Privatvermögen können weitere Vorschriften eingreifen. Das Urteil klärt die Besteuerung der zinslosen Stundung; es ersetzt nicht die Prüfung des gesamten Übertragungsvorgangs. 

Konsequenzen für die Gestaltungspraxis 

Für die private Vermögens- und Nachfolgeplanung ist das Urteil ein wichtiger Baustein. Zinslose Ratenzahlungsmodelle gewinnen an Attraktivität, wenn Vermögenswerte innerhalb der Familie übertragen werden und eine sofortige Kaufpreiszahlung weder gewünscht noch finanzierbar ist. 

Die praktische Umsetzung sollte gleichwohl sorgfältig erfolgen. Der Kaufpreis muss nachvollziehbar hergeleitet werden; bei werthaltigen Vermögensgegenständen empfiehlt sich eine belastbare Bewertung. Die Zinslosigkeit sollte ausdrücklich im Vertrag stehen. Ebenso sollte unmissverständlich geregelt werden, dass jede Rate vollständig auf den Kaufpreis angerechnet wird und kein gesondertes Entgelt für die spätere Zahlung geschuldet ist. 

Besondere Aufmerksamkeit gilt bei Preismechanismen: Wird neben einem niedrigeren Kaufpreis bei Sofortzahlung die Option einer Ratenzahlung vereinbart, wobei die Raten den Sofortkaufpreis übersteigen, spricht dies gegen eine unentgeltliche Stundung. In solchen Fällen wird die Differenz regelmäßig auf ihren Zinscharakter zu untersuchen sein. 

In offenen Verfahren bietet das Urteil eine starke Argumentationsgrundlage. Ob und in welcher Form die Finanzverwaltung die neue Rechtsprechung allgemein anwenden wird, bleibt abzuwarten. Bis dahin sollten betroffene Fälle nicht nur mit Verweis auf das Urteil, sondern vor allem anhand der konkreten Vertragslage und der wirtschaftlichen Hintergründe aufbereitet werden. 

 

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Autoren dieses Artikels

Matthias Winkler

Partner

Steuerberater, Fachberater für Internationales Steuerrecht

Julia Wenninger

Senior Manager

Steuerberaterin

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