„Basel IV“ – Neuerungen für Kreditinstitute

Hauptgegenstand der Diskussionen war die Frage, wie die Institute ihre Kreditrisiken zu messen haben, nachdem in 2016 bereits im Rahmen des Fundamental Review of the Trading Book (FRTB) die Eigenkapitalunterlegung von Marktpreisrisiken geregelt wurde. In der Praxis wurde hierbei festgestellt, dass größere Institute, die hierzu intern entwickelte Modelle verwendet haben, einen niedrigen Eigenkapitalbedarf zur Unterlegung ihrer Kreditrisiken ermittelten, als wenn sie einen standardisierten Ansatz eingesetzt hätten. Somit bestand eine zentrale Frage darin, festzulegen, inwieweit der intern ermittelte Bedarf an Kapital von den nach einem Standardansatz ermittelten Betrag abweichen darf, was als „Capital Floor“ bezeichnet wird.

Als Ergebnis der Verhandlungen sind die standardisierten Ansätze risikosensitiver geworden, während der Verwendung interner Modelle weiteren Grenzen auferlegt wurden. Die Änderungen bei der RWA-Berechnung beziehen sich auf sämtliche Risikoarten der Säule 1 und sind folglich für alle Kreditinstitute relevant - unabhängig von ihrer Größe, der Komplexität der betriebenen Geschäfte oder dem Einsatz standardisierter oder fortgeschrittener Ansätze für die Eigenkapitalberechnung.

Eines der am meist diskutierten Elemente des Reformpakets ist somit – unter Beachtung von Übergangsfristen - die Einführung eines Capital Floors von 72,5 % bei internen RWA-Modellen. Dies bedeutet, dass, falls weiterhin interne Modelle als Grundlage für die Berechnung der Kreditrisiken eingesetzt werden, das hierbei ermittelte Resultat maximal 27,5 % von einem nach einem standardisierten Ansatz berechneten Wert abweichen darf. In der Praxis dürfte in der Folge bei den meisten Kreditinstituten, die interne Modelle verwenden, eine spürbare Erhöhung der risikogewichteten Aktiva und somit eine Reduzierung ihrer Kapitalquoten zu beobachten sein. Damit verbunden wird die Frage sein, inwieweit der Einsatz interner Modelle für die Institute noch lohnend ist. Außerdem müssen die Institute für alle Risikoarten eine Berechnung gemäß Standardansatz implementieren, um die Abweichung überhaupt ermitteln zu können.

Im Rahmen dieses Reformpakets wurden jedoch auch die Standardansätze hinsichtlich ihrer Risikosensitivität überarbeitet. In Bezug auf das Kreditrisiko soll diese mittels einer differenzierten Aufteilung der Forderungsklassen geschehen, insbesondere dadurch, dass künftig auch der Zweck der Finanzierung berücksichtigt werden soll. Im Rahmen der Ermittlung der Anforderungen an die Eigenkapitalunterlegung für das operationelle Risiko dürfen Banken künftig lediglich noch auf einen Standardansatz zurückgreifen. Um eine risikosensitivere Ermittlung zu erreichen, basiert dieser neben einer Ergebniskomponente künftig auch auf den historischen Verlusten des betroffenen Instituts. Ferner wird auch beim CVA-Risiko der Standardansatz durch die Integration einer Exposure-Komponente sowie der zugehörigen Hedging-Maßnahmen der Marktrisikofaktoren risikosensitiver gestaltet.

Die Verwendung interner Modelle bei der Berechnung des Kreditrisikos wurde demgegenüber an einigen Stellen eingeschränkt. In den Fällen „Große und mittelgroße Unternehmen“, „Banken und andere Finanzinstitute“, sowie „Spezialfinanzierungen“ ist es nur noch zulässig den Basis-IRBA oder Standardansätze einzusetzen. Bei Aktien ist nur noch ein Standardansatz erlaubt. Die Berechnung der Kapitalanforderungen für das CVA- und das operationelle Risiko muss zukünftig zwingend nach dem jeweiligen Standardansatz erfolgen. Eine Einigung bei der Überarbeitung der Regeln für Kredite an Staaten konnte nicht erreicht werden.
Die wesentliche Neuerung bei der Ermittlung des Leverage Ratio besteht in der Einführung eines Zuschlags für global systemrelevante Banken. Dieser soll die Hälfte des vor dem Hintergrund der regulatorischen Mindestquote einzuhaltenden Kapitalpuffers betragen. Ergänzend zu diesem Kapitalaufschlag wurden ebenfalls Modifikationen bei der Berechnung des Exposures vorgenommen. Hierdurch wird eine Konvergenz an die neuen Standardansätze zur RWA-Ermittlung angestrebt.

Obwohl die endgültigen Regelungen im Vergleich zu den vorherigen Entwürfen entschärft wurden, müssen Institute mit deutlichen Erhöhungen ihrer RWA und somit mit niedrigeren Kapitalquoten rechnen. Das tatsächliche Ausmaß hängt von den jeweiligen Geschäftsmodellen ab und davon, inwieweit bisher interne Modelle zur Messung der Risiken verwendet wurden. Die Neuerungen werden dazu führen, dass die Institute die Eigenkapitalanforderungen in den Geschäftsbereichen überprüfen und ihre Produkt- und Preisgestaltung anpassen müssen, so dass sich das Rahmenwerk sich daher auf die Geschäftsstrategie auswirken wird. Institute müssen insofern ihre bestehende Datenarchitektur und –infrastruktur daraufhin überprüfen, inwieweit die nun notwendigen Anpassungen vorgenommen werden können

Das Rahmenwerk wird ab 2020 in Stufen bis 2027 eingeführt. Die neuen Regeln werden sich auch auf Konkurrenten von Kreditinstituten auswirken. Erhöhte Kapitalkosten für einzelne Geschäfte könnten Institute dazu veranlassen, sich aus bestimmten Geschäftsbereichen zurückzuziehen, was die Attraktivität alternativer Finanzierungsformen erhöhen wird.