Interview mit dem Lebensarchitektur e.V.: „Du kannst aus Deinem Leben etwas machen“

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Der Verein Lebensarchitektur e.V. bietet Kindern und Jugendlichen, die durch einen Schicksalsschlag ohne ihre Eltern aufwachsen müssen, Wohnraum und eine ersatz-familiäre Atmosphäre. Das Leitbild des Trägervereins: Gegründet von Menschen, die selbst in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind, fußt die Pädagogik der Betreuung auf den in der eigenen Kindheit gesammelten Erfahrungen. Ein Jahr nach der Übergabe eines Spendenscheks in Höhe von 3.000 Euro haben wir erneut mit dem Kuratoriumsvorsitzenden Marco Weiß und dem Vorstandsvorsitzenden Bernhard Kuhn des Lebensarchitektur e.V. gesprochen. 

In drei Wohngemeinschaften soll trotz der herausgehobenen Umstände ein familiäres Umfeld ohne sprachliche Stigmatisierung ermöglicht werden. So gehen die pädagogischen Betreuer beispielsweise morgens nicht „zur Frühschicht auf Arbeit“, sondern zum „Frühstück in die WG“. Vor dem Hintergrund eines humanistischen Menschenbildes sollen die häufig traumatisierten Jugendlichen ganzheitlich in einer kümmernden, wertschätzenden und unterstützenden Umgebung aufwachsen können und dabei zu lebensbejahenden, gesellschaftlich teilhabenden und kulturell gebildeten Erwachsenen werden. Im März 2019 haben Partner Dr. Andreas Fröhlich und Prof. Dr. Martin Pätzold, Geschäftsführer der Baker Tilly Stiftung, dem Verein einen Spendenscheck über 3000 übergeben.

Baker Tilly Stiftung: Was bedeutet es für Kinder, ohne die leiblichen Eltern aufzuwachsen?

Marco Weiß: Die Erfahrung von den engsten Vertrauten sehr früh verlassen zu sein. Es bedeutet aber auch sehr früh stark zu werden, das Schicksal so gut es geht selbst in die Hand zu nehmen. Damit verbunden sind häufig auch die Fähigkeiten mit vielen unterschiedlichen Situationen besser klar zu kommen als Kinder, die unter dem Schirm ihrer Eltern aufwachsen.

Wer in einer Lebensarchitektur-Jungen-Wohngemeinschaft aufwächst, merkt spätestens mit der ersten Freundin, dass er hauswirtschaftlich oftmals den Mädchen einiges voraushat. Haushaltsführung und Kochen sind Standardaufgaben für jeden Jungen in der Wohngemeinschaft. Bei meiner ersten Freundin merkte ich, dass ich beim Kochen und in der Haushaltsführung weit fitter als meine Freundin war. Sie lebte bei Mama und Papa, die alle Aufgaben ihrer Tochter abgenommen hatten.

Aber auch in der Schule, insbesondere auf Klassenfahrten sind Wohngemeinschaftskinder, die regelmäßig mit 7 oder 8 Mitbewohnern aufwachsen, im Umgang mit unterschiedlichen Charakteren der Klassenkameraden oft souveräner, als Kinder die „nur“ mit Mama und Papa aufgewachsen sind. Der Umgang mit der Andersartigkeit von Mitmenschen wird früh in der Wohngemeinschaft eingeübt und stärkt die sozialen Kompetenzen.

Gegründet wurde der Verein von Menschen, die selbst in Betreuungseinrichtungen gelebt haben. Welche positiven Erfahrungen nehmen Sie mit und was wollen Sie besser machen als in Ihrer Kindheit?

Bernhard Kuhn: Die positive Erfahrung lautet: Es gibt Institutionen, die helfen! Du kannst aus Deinem Leben etwas machen! Die Erfahrung aus der Kindheit ist, alles zu tun, um das Schicksal der Eltern nicht zu wiederholen.

Welche Unterstützung erfahren Sie durch gesellschaftliche Akteure in Ihrem Umfeld?

Bernhard Kuhn: Bestes Beispiel ist die Baker Tilly Stiftung. Private Spenden und Paten erlauben Kinder in einer Randstellung durch individuelle Förderung in die Mitte unserer Gesellschaft zu führen.

Daneben erfahren wir auch das Interesse der Medien am Lebensarchitektur e.V., die weltweit einzige Kinder- und Jugendhilfeorganisation, von Menschen, die selbst in Einrichtungen gelebt haben.

Z.B. Bericht über die Schicksale und die oftmals unbekannte und einschneidende Haftung der Kinder für ihre Eltern. Z.B. ARD Report 2019 oder Bayerisches Fernsehen u.a. Dazu bitte in der Suchmaschine einfach den Titel eingeben: „Heimkinder zur Armut verdammt“ und den TV Beitrag anschauen.


Weitere Informationen zum Lebensarchitektur e.V finden Sie hier. 
 

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