Interview mit dem Kinderheim Kleine Strolche

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Das Kinderheim Kleine Strolche in Asendorf bietet seinen Schützlingen therapeutische Maßnahmen, die für durch Gewalt oder Vernachlässigung traumatisierte Kinder ausgelegt sind. Geplant wird auch ein Therapiezentrum mit angeschlossenen stationären oder ambulanten Plätzen für schwer traumatisierte Kinder. Im Mai letzten Jahres spendete Baker Tilly 3.000 Euro für das Kinderheim. Nun haben wir wieder mit Dr. Sonja Risse, die die Öffentlichkeitsarbeit des Kinderheims verantwortet, gesprochen.

Baker Tilly Stiftung: Was macht es mit der Persönlichkeit eines sich in der Entwicklung befindenden Kindes, wenn es innerhalb der eigentlich für Schutz, Zuneigung und Liebe eintretenden Familie misshandelt wurde? 

Dr. Sonja Risse: Kinder und auch Jugendliche sind von ihren Bezugspersonen abhängig. Der zwischenmenschliche emotionale Austausch bildet die Basis der Persönlichkeitsentwicklung. Hierbei spielt ein interaktiver Reifungsprozess eine Rolle. Alles, was die zwischenmenschlichen Beziehungserfahrungen an Emotionen und Lernerfahrungen mit sich bringen, wird im Gehirn gespeichert. Erleben Kinder traumatisierende Ereignisse, konzentriert sich das sich noch in der Entwicklung befindliche Gehirn stärker auf Überlebensfunktionen, was auf Kosten der Entwicklung der Bereiche des Gehirns geht, die für die Regulierung von Impulsen und Emotionen verantwortlich sind. Die frühen Erfahrungen der traumatisierten Kinder werden im Gehirn zur Grundlage für den Umgang mit zukünftigen Anforderungen. Die Kinder und Jugendlichen empfinden Taubheit und Erstarrung verbunden mit Gefühlen der Hilf- und Hoffnungslosigkeit.

Kindern, die in im Säuglings- oder Kleinkindalter traumatisiert wurden, stehen noch keine Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung. Personen, die in dieser Zeit traumatisiert wurden, haben manchmal ein Leben lang tiefe Schuldgefühle für alles, was um sie herum an Negativem passiert. Zudem werden Beziehungen und Nähe als Bedrohung wahrgenommen, bzw. es entwickelt sich nicht das Bedürfnis nach einer adäquaten Bindung. Bindungsstörungen zeigen sich im weiteren Leben bis ins Erwachsenenalter. Die Qualität der Beziehung - die Feinabstimmung auf die Bedürfnisse des Kindes - entscheidet über die Wege und Muster, die im Gehirn angelegt werden und ein Leben lang bleiben.

Mit dem Eintritt in die Schule sind die Kinder zusätzlichen Stressfaktoren ausgesetzt. Durch den Leistungs- und Sozialisationsdruck tauchen Symptome im Rahmen der Schule ausgeprägter auf. Mangelnde Konzentrationsfähigkeit, die Schwierigkeit, Aufgaben zu Ende zu bringen oder neue Informationen effektiv zu verarbeiten, können Anzeichen eines Traumas darstellen. 

Oftmals beginnen erst im Jugendalter die Auseinandersetzung und das Ausagieren mit den erlittenen Traumata. Wenn der Grad ihrer inneren Erregung den Toleranzbereich übersteigt, betäuben sie sich häufig durch Essen, Drogen, Sex und Musik. Manche Jugendliche fügen sich auch Selbstverletzungen zu, um ihre Benommenheit und ihren Schmerz zu verringern und umso - paradoxerweise - Kontrolle über ihre Gefühle zu erlangen. Überwältigender Stress kann in dieser Phase der Adoleszenz die Persönlichkeitsentwicklung entgleisen lassen. Weil Jugendliche in dieser Lebensphase so besonders verletzlich sind, schließen ihre Symptome auch ein verzerrtes Ich-Bewusstsein mit ein, dass mit Angst, Scham und Schuld belastet ist. Identitäts- und Persönlichkeitsstörungen können die Folge sein.

Wie schaffen sie es, den Kindern dabei zu helfen, diese Traumata zu überwinden?

Dr. Sonja Risse: Bei Kindern und Jugendlichen sind emotionale Ressourcen für die Traumabewältigung von besonderer Bedeutung. Die pädagogischen Fachkräfte unterstützen die Kinder und Jugendlichen darin, ihre Ressourcen zu entdecken bzw. diese zu entwickeln. Um Heilung bzw. Bewältigung zu ermöglichen, sind mehrere Faktoren notwendig: eine Institution (Erziehungsstelle, Heim, Familie) als äußerer sicherer Ort, Vertrauen in die Bezugspersonen (die pädagogische Fachkraft), Vertrauen in eigene Fähigkeiten (Wissen, Kompetenz, Kraft) und Vertrauen in vorgestellte Kräfte (Religion, Glaube, Liebe, usw.). 

Der äußere sichere Ort für traumatisierte Kinder und Jugendliche ist eine unabdingbare Voraussetzung, um sich auch auf innere sichere Orte einlassen zu können. Zusammen bilden sie die Grundlage für eine heilende Entwicklung. Ein äußerer sicherer Ort kann entstehen, wenn Gewaltfreiheit jeder Art, Schutz für die Opfer, klare Strukturen mit klaren Regeln, eine wohltuende räumliche Atmosphäre, ein stabiles gut ausgebildetes Betreuerteam sichergestellt sind. Ein innerer sicherer Ort kann entstehen, wenn Beziehungen zu Erwachsenen von Verlässlichkeit, Einfühlung und Empathie, Wertschätzung und Verständnis des Kindes vor dem biografischen Hintergrund geprägt sind. 

Der pädagogische Alltag bietet für Kinder und Jugendliche viele Situationen, in denen Flashbacks ihrer traumatischen Erfahrungen ausgelöst werden können. Sie erwarten von den aktuellen Bezugspersonen die gleichen Reaktionen, die sie zuvor erlebt haben. Deshalb ist es wichtig, dass Pädagogen die Biographie der Kinder und damit Übertragungsmöglichkeiten kennen. So können sie sich persönlich distanzieren und die Betroffenen vor weiteren Verletzungen schützen. Diese neuen korrigierenden Erfahrungen wirken heilend. Das „Aufgehobensein“ in einer Beziehung ist die Voraussetzung für die Bewältigung traumatischer Erfahrungen.

Wir haben einen hohen Anspruch an uns selbst, den äußeren und inneren Bedürfnissen der Kinder optimal gerecht zu werden. Deshalb arbeiten wir ständig an unseren Raumkonzepten, um sichere und geborgene Plätze für die Kinder zu schaffen, in denen optimale Bedingungen herrschen, das seelische Gleichgewicht zu unterstützen. 

Was sind bis jetzt die größten Hürden in der Umsetzung des geplanten Therapiezentrums?

Dr. Sonja Risse: Es gibt zwei große Herausforderungen bei der Umsetzung des Therapiezentrums. 
Einmal finanzieller Art: Unser Gesetzgeber sichert die Betreuung und Grundversorgung im Heim. Doch für traumatisierte Kinder sind oft jahrelange und spezielle Therapien, wie z. B. das therapeutische Reiten notwendig. Obwohl der Einsatz von Tieren in der frühkindlichen Therapie unumstritten ist, ist sie als Heilmethode in Deutschland nicht anerkannt. Dementsprechend benötigt das Kinderheim dringend Hilfe von externen Unterstützern, um spezielle Therapien für die Kinder langfristig sicherzustellen. 

Und einmal baulicher Art: Die baulichen Anforderungen an die barrierefreie Gestaltung von inklusiven Einrichtungen sind von den Landesjugendämtern genau vorgegeben. Die Räume müssen so groß und konzipiert sein, dass jedes Kind (mit oder ohne Behinderung) sich gut bewegen kann. Das heißt z. B., dass der Zugang in die Räume barrierefrei ist und auch Rollstuhlfahrer/innen in die Räume gelangen können. Diese Vorgaben korrespondieren leider in vielen Bereichen nicht mit den Vorgaben des Denkmalschutzes, unter dem einige Teile des geplanten Therapiezentrums stehen. Obwohl der Wohnbereich der Kinder in einem Teil gebaut werden soll, der nicht denkmalgeschützt ist, bezieht der Denkmalschutz diesen in die Bewertung des Gesamtobjektes mit ein. Wir haben bisher noch keine Einigung bei der Kombination zwischen baulichen Vorgaben und Vorgaben des Denkmalschutzes gefunden.  

Weitere Informationen zum Kinderheim Kleine Strolche finden Sie hier

 

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