IFRS 16: Fundamentale Änderung der Bilanzierung von Leasingverhältnissen beim Leasingnehmer

|  BTadvice 06/2018

Der neue Rechnungslegungsstandard IFRS 16 - Leasingverhältnisse rückt mit seinem erstmaligen Anwendungszeitpunkt für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2019 beginnen, immer näher. Dieser wird insbesondere die Bilanzierung von Leasingverhältnissen beim Leasingnehmer maßgeblich verändern und für fast alle nach den IFRS bilanzierenden Unternehmen weitreichende bilanzielle und prozessuale Auswirkungen mit sich bringen. Durch die neuen Regelungen werden sich bei vielen Unternehmen relevante KPIs (z. B. EBITDA und EK-Quote) deutlich verändern und eine Anpassung der Zielgrößen erforderlich sein.

IFRS 16 – Leasingverhältnisse ist für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2019 beginnen, anzuwenden. Für Leasingnehmer sieht der neue Standard ein Bilanzierungsmodell vor, das auf eine Unterscheidung zwischen Finanzierungs- und Operatingleasing verzichtet. Künftig werden die meisten Leasingvereinbarungen in der Bilanz zu erfassen sein.

Bilanzielle Erfassung von nahezu allen Leasingverhältnissen beim Leasingnehmer

In den Anwendungsbereich des IFRS 16 fällt grundsätzlich die Nutzungsüberlassung von Vermögenswerten, wie z. B. Gebäuden, Kraftfahrzeugen und Maschinen. Mit der Einführung von IFRS 16 besteht nunmehr eine grundsätzliche Bilanzierungspflicht von Rechten und Pflichten aus Leasingverhältnissen für Leasingnehmer. Der neue Leasingstandard bildet bilanziell den Gedanken ab, dass ein Leasingnehmer zu Beginn eines Leasingverhältnisses eine Zahlungsverpflichtung gegenüber dem Leasinggeber eingeht, um einen Leasinggegenstand über die Laufzeit des Leasingverhältnisses nutzen zu können. Somit bilanzieren Leasingnehmer künftig das Nutzungsrecht aus einem Leasinggegenstand (sog. „right-of-use asset“) sowie eine korrespondierende Leasingverbindlichkeit.

In Bezug auf kurzfristige Leasingverhältnisse sowie Vereinbarungen über geringwertige Vermögenswerte gewährt der Standard dem Leasingnehmer Erleichterungswahlrechte, sodass das neue Bilanzierungsmodell auf diese keine Anwendung findet.

Die quantitativen und qualitativen Angabepflichten für Leasingnehmer sind im Vergleich zum derzeitigen Standard zudem deutlich umfangreicher geworden.

Auswirkungen auf Finanzkennzahlen und Steuerungsgrößen sind enorm

Durch die zukünftige bilanzielle Erfassung von Leasingverbindlichkeiten und Nutzungsrechten ergeben sich signifikante Auswirkungen auf relevante Bilanzkennzahlen des Leasingnehmers. So werden z. B. durch die Verlängerung der Bilanz im Zuge der erstmaligen Anwendung von IFRS 16 der Verschuldungsgrad der bilanzierenden Unternehmen steigen und die Eigenkapitalquote sinken. Dieser Effekt sollte von Unternehmen, deren Kreditverträge z. B. die EK-Quote als Financial Covenant beinhalten, im Rahmen von Bankengesprächen unbedingt berücksichtigt werden. Auf die Gesamtergebnisrechnung wird sich IFRS 16 durch ein steigendes EBITDA und EBIT auswirken. Dies resultiert daraus, dass anders als nach den alten Regelungen der Leasingaufwand künftig nicht mehr als sonstiger betrieblicher Aufwand, sondern durch eine Abschreibung des Nutzungsrechts am Leasinggegenstand und einer Aufzinsung der Leasingverbindlichkeit erfasst werden wird.

Herausforderungen durch IFRS 16

Um die Veränderungen in der Bilanzierung von Leasingverhältnissen abbilden zu können, stellen sich im Zusammenhang mit der Einführung von IFRS 16 umfangreiche prozessuale und organisatorische Herausforderungen für Unternehmen, da mit wenigen Ausnahmen grundsätzlich alle aktiven Leasingverträge zu untersuchen sind.

Aufgrund der oftmals hohen Anzahl von Leasingverhältnissen in Unternehmensgruppen und der regelmäßig vorzufindenden Vielzahl von Optionen, Kündigungsrechten und weiteren Bestimmungen steigen die Anforderungen an das Vertragsmanagement und die IT-Prozesse zur Datenbereitstellung und -verarbeitung. Ermessensbehaftete Einschätzungen (z. B. über die Vorteilhaftigkeit einer Option) gewinnen nach dem neuen Standard an Bedeutung, sind eindeutig zu dokumentieren und müssen im Zeitablauf überprüft werden.

Implementierung von IFRS 16 in drei Stufen

Bei Implementierungsprojekten hat sich daher ein dreistufiger Ansatz bewährt. Die Umsetzung von IFRS 16 erfordert im ersten Schritt eine Identifikation aller bestehenden Leasingverträge des Unternehmens. Die bilanzielle Analyse der identifizierten Leasingverträge hat insbesondere alle auftretenden fachlichen Fragestellungen (z. B. Wahl der Übergangsmethode, Ausübung von Wahlrechten, Bestimmung der Zinssätze, Bestimmung der Laufzeiten und Einschätzung zu Verlängerungsoptionen sowie Restwertgarantien) zu berücksichtigen. In der nächsten Phase gilt es, die zutreffende bilanzielle Abbildung sämtlicher Leasingverträge zu gewährleisten. Aufgrund des Umfangs und der Komplexität der durch IFRS 16 gesetzten Anforderungen entscheiden sich viele Unternehmen bei der technischen Implementierung des Standards für eine IT-basierte Umsetzung, da Excel-basierte Lösungen aus Kapazitäts- und Sicherheitsgründen oftmals ausscheiden.

Abschließend erfolgen das Design von Bilanzierungsprozessen und die Implementierung in ERP-Systeme zur Sicherstellung der korrekten Folgebilanzierung sowie zur Ermittlung der Anhangangaben. 

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