Europäische Kommission schlägt drastische Überarbeitung des EU-Mehrwertsteuersystems vor

Erstellt von Marion Fetzer | |  Steuern

Erst kürzlich hat die Europäische Kommission einen Vorschlag zur Änderung der Mehrwertsteuer-Systemrichtlinie veröffentlicht, welcher darauf abzielt, das Mehrwertsteuersystem für innergemeinschaftliche Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmern (B2B) drastisch zu verändern. Sollte der Europäische Rat diesem Vorschlag folgen, müssten fast alle international agierenden Unternehmen die umsatzsteuerliche Behandlung ihrer grenzüberschreitenden innereuropäischen Warenlieferungen anpassen.

Anfällig für Betrug
Das aktuelle EU-Mehrwertsteuersystem für den innergemeinschaftlichen B2B-Warenhandel basiert auf zwei Kernkonzepten: Erstens, der Lieferant führt im EU-Abgangsland eine steuerbefreite innergemeinschaftliche Lieferung aus. Zweitens, der Käufer versteuert den korrespondierenden innergemeinschaftlichen Erwerb im EU-Zielland.

So aber können böswillige Händler mehrwertsteuerfreie Waren im EU-Ausland kaufen. Somit ist das aktuelle Mehrwertsteuersystem der EU höchst anfällig für Betrug. Es wird geschätzt, dass die EU-Mitgliedstaaten jedes Jahr rund 50 Milliarden Euro an Mehrwertsteuereinnahmen auf Grund von grenzüberschreitendem Mehrwertsteuerbetrug verlieren. Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission ein neues Mehrwertsteuersystem, basierend auf einer kategorischen Andersbehandlung der innergemeinschaftlichen Lieferungen, entworfen. Im folgenden Abschnitt werden wir dieses System erörtern.

Hauptelemente des neuen innergemeinschaftlichen Mehrwertsteuersystems 
In dem neuen EU-Mehrwertsteuersystem werden die innergemeinschaftliche Lieferung und  der innergemeinschaftliche Erwerb von Waren durch einen steuerpflichtigen Vorgang ersetzt: Der Lieferung innerhalb der Union. Die Lieferung unterliegt im EU-Zielland unter Anwendung des dort gültigen Mehrwertsteuersatzes der Umsatzsteuer. Als Beispiel: Verkauft und transportiert ein deutscher Unternehmer Waren von München zu einem Unternehmerkunden nach Madrid, so muss der deutsche Unternehmer 21% Mehrwertsteuer an den spanischen Käufer berechnen. Die Mehrwertsteuer ist an die spanischen Finanzbehörden abzuführen.

Es wird angenommen, dass das neue innereuropäische Mehrwertsteuersystem widerstandsfähiger gegenüber Betrug ist. Um dies so einfach und administrativ effizient wie möglich zu gestalten, können die Unternehmer einen One-Stop Shop (OSS) für die Erklärung und die Entrichtung der in den anderen EU-Mitgliedstaaten fälligen Mehrwertsteuer nutzen. So kann der eben erwähnte deutsche Unternehmer den OSS in Deutschland nutzen und die spanischen Mehrwertsteuer in Deutschland anmelden und abführen.

Certified Taxable Person (CTP) / Zertifizierter Steuerpflichtiger
Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme was die oben beschriebene Besteuerungsmethode betrifft. Ist der Unternehmer, der Lieferungen innerhalb der Union ausführt, nicht im EU-Zielland der Ware ansässig, und sein Kunde ist ein sog. „Zertifizierter Steuerpflichtiger“ (CTP), wird die Mehrwertsteuer vom Kunden erhoben. In diesem Fall ist der Unternehmer nicht verpflichtet, Mehrwertsteuer in seiner Rechnung auszuweisen.

Die Anerkennung als „Zertifizierter Steuerpflichtiger“ ist abhängig von der Vertrauenswürdigkeit des jeweiligen Unternehmers. Der ECOFIN hat in seiner Sitzung am 2. Oktober 2018 verschiedene Maßnahmen beschlossen, wobei eine entsprechende Einigung zum „Zertifizierten Steuerpflichtigen“ bislang aussteht.

Zusammenfassung
Sollte der Entwurf der Kommission genehmigt werden, werden Unternehmer innerhalb der Europäischen Union mit drastischen Veränderungen konfrontiert. Unter anderem werden sie unterschiedlichste Geschäftsabläufe wie die Rechnungsstellung, Kunden- und Lieferanten-Abnahmeverfahren, die ERP-Struktur und das Reporting umgestalten müssen, um diese in Einklang mit dem neuen Mehrwertsteuersystem zu bringen. Zusätzlich muss entschieden werden, ob es Sinn macht, den CTP-Status zu beantragen, sofern diese Maßnahme beschlossen wird.
 

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