EinDollarBrille e.V. im Interview: „Ich sehe die Vögel in den Bäumen – die habe ich bisher nur gehört“ 

Stiftung

Da Augenärzte und Optiker weder flächendeckend anzutreffen sind, noch für die ärmeren Bevölkerungsschichten bezahlbare Dienstleistungen anbieten, sind für uns belanglose Sehbehinderungen besonders in Entwicklungsländern geradezu fatal. Der gemeinnützige Verein EinDollarBrille e.V. hat für dieses Problem eine Lösung, die so einfach wie genial ist: Die Herstellung einfachster Brillen mit Materialkosten knapp unter einem US-Dollar. Das Projekt hilft somit weltweit Kindern und Erwachsenen mit Sehschwächen ohne Zugang zu Sehhilfen, um diesen die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben und einen mutigen Blick in die Zukunft zu ermöglichen. Partner Michael Emig hat im Mai 2019 der Organisation einen Scheck der Baker Tilly Stiftung von 3.000 Euro überreicht. Heute, ein Jahr später sprechen wir wieder mit Martin Aufmuth, Gründer und 1. Vorsitzender des EinDollarBrille e.V. 

Baker Tilly Stiftung: Wie kommen - ganz konkret und praktisch - die EinDollarBrillen zu den Menschen in Entwicklungsländern? 

Martin Aufmuth: Laut einer Studie der WHO leiden 950 Millionen Menschen an einer behebbaren Fehlsichtigkeit, können sich aber keine herkömmliche Brille leisten und haben meist auch keinen Zugang zu Optikern. Das hat gravierende Auswirkungen: Kinder können dem Unterricht nicht folgen, Erwachsene keine qualifizierte oder auch gar keine Arbeit ausüben. Mit der EinDollarBrille habe ich als Gründer der gleichnamigen Organisation eine Lösung für dieses globale Problem gefunden: Die von mir entwickelte Brille besteht aus einem leichten, flexiblen und stabilen Federstahlrahmen und wird auf einer einfachen Biegemaschine vor Ort hergestellt. Diese Biegemaschine benötigt keinen Strom und eignet sich daher für den Einsatz auch in sehr armen ländlichen Regionen. Für Herstellung und Vertrieb der EinDollarBrillen bildet der Verein in den Projektländern lokale Fachkräfte aus, die mit ihrem Gehalt oft nicht nur sich, sondern auch eine Familie ernähren. Bereits rund 220 Arbeitsplätze sind dadurch entstanden – in Ländern wie Malawi und Burkina Faso, wo es kaum einen funktionierenden Arbeitsmarkt gibt. In einem eigens entwickelten einjährigen Ausbildungskonzept werden Auszubildende so dazu befähigt, beim Sehtest zuverlässig das passende Brillenglas zu finden und die Brille fachkundig anzupassen. Die Materialkosten für eine Brille betragen ca. einen US-Dollar; der Verkaufspreis liegt bei zwei bis drei lokalen Tageslöhnen. So können sich auch sehr arme Menschen die Brille leisten. 

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, baut der EinDollarBrille e.V. gemeinsam mit lokalen Partnern verschiedene Vertriebskanäle auf, die an die regionalen Bedingungen angepasst sind. In Städten und größeren Orten gehören dazu eigene Shops, aber auch Shop-in-Shop-Systeme, bei denen die EinDollarBrille z.B. in Apotheken Präsentations- und Verkaufsflächen erhält. Bei sogenannten Outreaches (lokale Kampagnen) wiederum werden die Menschen vor Ort in ihren Dörfern getestet und erhalten gleich im Anschluss die für sie passende Brille. 

Das Ziel der Organisation ist eine augenoptische Grundversorgung der Bevölkerung in Entwicklungsländern, die den gesamten Prozess vom Sehtest über die lokale Brillenproduktion bis hin zu einem Wartungs- und Ersatzglas-Service umfasst. Auf diesem Weg hat der EinDollarBrille e.V. schon viel erreicht: In Ländern wie Burkina Faso, Bolivien und seit einiger Zeit auch in Indien wurden inzwischen über 240.000 Menschen mit Brillen versorgt (Stand 31.12.2019). 

Welche Geschichten können Sie von Menschen in Entwicklungsländern erzählen, die dank der EinDollarBrille endlich klarsehen können?

Kinder bedürftiger Eltern haben es besonders schwer, wenn es um den Zugang zu Gesundheitsleistungen oder eben Brillen geht: Immer wieder hören unsere Teams Sätze wie: „Bitte, ich brauche unbedingt eine Brille, aber meine Eltern haben dafür nicht genug Geld.“ So ging es auch Salomy aus Malawi: Ein Arzt hatte ihr schon vor einiger Zeit gesagt, sie solle sich eine Brille kaufen. Ihre Eltern konnten sich die umgerechnet 30 Euro für eine Brille vom Optiker jedoch nicht leisten. Deshalb hat Salomy in der Schule immer von ihrer Sitznachbarin abgeschrieben. Mit ihrer neuen Brille konnte sie plötzlich alles ganz scharf sehen – und bekam neue Zuversicht: „Ich bin so froh, dass ich jetzt selber lesen kann, was an der Tafel steht. Ich möchte einmal Jura studieren und da muss ich gute Noten haben.“ 

Ein großer Schritt für den EinDollarBrille e.V. war auch die Aufnahme von Sonnenbrillen ins Produktportfolio. In einem Dorf rund 35 km von Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, treffen wir die 21-jährige Jacqueline Blessing: Eine Stunde lang ist sie mit ihrem Baby gelaufen, um an dem Outreach von GoodVisionGlasses (eine Marke des EinDollarBrille e.V.) teilzunehmen. Ihre Augen sind rot entzündet, weshalb sie auch bereits in einer Klinik war. Dort hatte man ihr eingeschärft, sie solle ihre Augen vor starker Sonneneinstrahlung und Staub schützen. Aber was tun in einem Land, in dem Brillen für den ärmeren Teil der Bevölkerung praktisch unerschwinglich sind? Ihre neue Sonnenbrille hält nun die Sonneneinstrahlung und den Staub ab. 

Unsere Begegnungen mit den Menschen in unseren Projektländern machte uns außerdem deutlich, dass Brillen sogar eine existenzielle Bedeutung haben. Vor Jahren traf ich den damals 80-jährigen Simon. Er hatte 5 Kinder, die alle gestorben waren und ihm 18 Enkel hinterlassen haben. Simon konnte damals nicht mehr auf dem Feld arbeiten, weil er kaum noch sehen konnte. Als er das erste Mal durch seine EinDollarBrille blickte, war er ganz fasziniert: „Ich sehe die Vögel in den Bäumen – die habe ich bisher nur gehört!“ Wer in Malawi sein Feld nicht bewirtschaften kann, gerät schnell in existenzielle Not. Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen haben in den letzten Jahren zudem viele Ernten komplett vernichtet. Wenn jemand wie Simon dann zusätzlich Ernteeinbußen hat, weil er nicht richtig sieht, reicht es unter Umständen nicht mehr zum Überleben. 

Mit seiner Arbeit erzielt der EinDollarBrille e.V. darüber hinaus auch bei seinen Mitarbeitenden eine Wirkung. Unser Partner CARE Netram in Indien beispielsweise beschäftigt bereits über 60 Mitarbeitende in seinem Team. Eine von ihnen ist Pratima Pradhan: Sie hatte eine Ausbildung zur Verkaufshilfe absolviert, doch niemand wollte sie wegen ihrer schweren Gehbehinderung für länger einstellen. Eine Operation direkt nach der Geburt hätte die Fehlstellung ihrer Beine korrigieren können, doch dafür hatten ihre Eltern kein Geld. Seit Juni 2019 arbeitet Pratima nun bei CARE Netram und ist dort für die Erfassung der Patientendaten zuständig. Ein optimaler Job, denn er kann im Sitzen erledigt werden. Mit ihrem Gehalt unterstützt sie auch ihre Familie, die nun sehr stolz auf ihre Tochter ist. 

Wie ließe sich aus Ihrer Perspektive die aktuelle Entwicklungshilfe verbessern?

Als noch relativ junge Organisation maßen wir uns nicht an, die teilweise jahrzehntelange Arbeit von Organisationen beurteilen zu wollen. Zudem hat Entwicklungshilfe in den vergangenen Jahren gerade im Gesundheitssektor ja tatsächlich vieles bewirkt, auch wenn dies nicht immer so gesehen wird. 

Eines der wichtigsten Prinzipien für die Arbeit in Entwicklungsländern, an denen sich auch unser eigenes Social Business Modell ausrichtet, ist deshalb die viel zitierte Nachhaltigkeit. Deshalb beliefern wir die Menschen in unseren Projektländern nicht einfach von Deutschland aus mit Brillen, sondern bauen vor Ort ein System für eine augenoptische Grundversorgung auf. Dafür bilden wir lokal Fachkräfte aus und konnten so in wenigen Jahren rund 220 Arbeitsplätze und damit neue Existenzgrundlagen für Familien schaffen. 

Unser Ziel ist es, grundlegende Strukturen vor Ort anzugehen. Voraussetzung für einen solchen systemischen Wandel ist jedoch auch eine Bewusstseinsveränderung bei den Menschen vor Ort. Deshalb führen wir in unseren Projektländern Aufklärungskampagnen durch: Über kostenlose Sehtests, Aufklärungsarbeit in Schulen und Communities sowie den Aufbau von Beziehungen mit Gesundheitsinstitutionen schaffen wir ein Bewusstsein für die Bedeutung und Wirkung von Brillen – Veränderungen beginnen im Kopf. 

Diese Veränderungen werden zwar von uns angestoßen, aber letztlich von den lokalen Akteuren, in der Hauptsache unseren Mitarbeitenden, getragen. Wir fördern ihre Eigenverantwortung, was zu spannenden Veränderungen führt: In Indien beispielsweise haben wir eine ganze Reihe junger Frauen im Team, die sukzessive immer mehr Verantwortung in den Projekten übernehmen. Bereits heute erkennen wir, wie das ihre Position in ihren Familien stärkt, und wie selbstbewusst diese jungen Frauen ihr Leben in die Hand nehmen. Mit unserem Projekt lösen wir demnach gesellschaftliche Entwicklungsprozesse aus, die so ohne weiteres nicht mehr zurückzunehmen sind. Und wo wir gerade dabei sind: Gerade die Stärkung von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft wird längst als Erfolgsfaktor auch in der Entwicklungshilfe angesehen. 

Andererseits erfordern Projekte in Entwicklungsländern bei aller Veränderungsdynamik auch eine hohe Sensibilität für kulturelle Eigenheiten und Traditionen. Auch neue Systeme wie unser Social Business Modell müssen sich an die lokalen Gegebenheiten anpassen. Bei uns beginnt das beim Produktkonzept der EinDollarBrille, die optimal auf die Anforderungen in Entwicklungsländern ausgerichtet ist – und hört bei der Gestaltung der Vertriebskanäle oder der Konzeption von Trainings noch lange nicht auf. Denn was sich in Burkina Faso bewährt hat, kann in Brasilien floppen. 

Vor allem aber zielt unser Konzept für eine augenoptische Grundversorgung auf Veränderungen in Bereichen mit einer Hebelwirkung ab: Es geht eines der größten gesundheitlichen Probleme weltweit an, stärkt Bildungsperspektiven und fördert soziale wie wirtschaftliche Entwicklung. Wer gut sehen kann, hat einfach einen Vorsprung im Leben: Fehlsichtige Schulkinder können mit einer Brille dem Unterricht in der Schule besser folgen und haben so bessere Zukunftsaussichten. Optimalerweise setzt Entwicklungshilfe also da an, wo sich durch gezielte Aktivitäten Veränderungen auf verschiedenen Ebenen anstoßen lassen.  

Eine Überlegung noch zum Schluss: In den vergangenen Jahrzehnten wurden enorme Summen in Entwicklungshilfe investiert. Bei allen Erfolgen, die es unbestreitbar gab, ist nicht wenig davon versickert. Projekte mit Augenmaß und übersichtlichen finanziellen Transfers sind nicht nur besser durchführbar, sondern auch weniger korruptionsanfällig als Großprojekte, bei denen oft die Kontrolle schwerfällt. Mit einer guten Idee zunächst lokal begrenzt starten, aus Fehlern lernen und das Ganze zum Best Practice entwickeln - und dann damit expandieren. Für so manches andere Vorhaben wäre das sicher auch ein gutes „Rezept“. 

Weitere Informationen zum EinDollarBrille e.V. finden Sie hier. 
 

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 Frank Schröder

Frank Schröder
Director, Head of Marketing & Communications

Büro Düsseldorf
+49 211 6901-1200

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