Digitalisierung – Bewertung auf Knopfdruck?

Erstellt von Birte Körkemeyer | |  BTadvice 2019-Q4

Digitalisierung von Unternehmen und ihre Folgen sind aufgrund ihrer Aktualität ein zurzeit in der Bewertungsliteratur oftmals diskutiertes und vielschichtiges Thema. Doch was bedeutet das konkret in der Praxis? Was sind die Auswirkungen für Unternehmen und ihre Bewertung?

Digitalisierung als Ursprung neuer Geschäftsmodelle

Die Digitalisierung oder auch „digitale Transformation“ der Unternehmen ist ein aktuelles Thema sowohl für Unternehmer als auch Dienstleister, welches auch in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Viele Unternehmen haben sich die Digitalisierung bereits zunutze gemacht und die Transformation zu innovativen, nachfrageorientierten und häufig in Netzwerken organisierten Geschäftsmodellen abgeschlossen. Weitere Unternehmen werden folgen. 

Was bedeutet das konkret?

Neue Technologien wie Blockchain, Quantencomputer, erweiterte Analytik und künstliche Intelligenz haben das Potenzial, ganze Branchen zu verändern und traditionelle Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle zu verdrängen. Die Entwicklung und Umsetzung digitaler Geschäftsstrategien finden dabei oftmals branchenübergreifend statt, mit der Folge struktureller Anpassungen von Wertschöpfungsketten. Gemeint ist dabei nicht die Verdrängung analoger Produkte durch digitale, sondern der disruptive Wandel, resultierend aus dem Potenzial der digitalen Daten und den daraus möglichen neuen Geschäftsmodellen. 

Mit anderen Worten: durch die Digitalisierung werden digitale Lösungen erschaffen, Unternehmensstrukturen verändert und Geschäftsmodelle revolutioniert. Es entstehen neue Möglichkeiten, mithin teilweise oder völlig neue innovative Geschäftsmodelle bei gleichzeitig (schnell) wachsender Konkurrenz („Start-ups“).

Auswirkung der Digitalisierung auf die Unternehmensbewertung

Doch was bedeutet das für die Unternehmensbewertung in der Praxis? Welche neuen Herausforderungen stellen sich? 

Die Auswirkungen und Herausforderungen der Digitalisierung auf die Unternehmensbewertung sind, wie auch bereits der IDW Fachausschusses für Unternehmensbewertung und Betriebswirtschaft (FAUB) in seinem IDW-Positionspapier „Trendwatch: Digitalisierung“ vom Oktober 2017 skizziert hat, vielschichtig.

Die Unsicherheit von Geschäftsmodellen, die abnehmende Fähigkeit zur Prognose der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells und der damit verbundene zunehmende Charakter von Unternehmen als Start-Ups als Folgen der Digitalisierung fordern eine stärkere Ausrichtung der Unternehmensbewertung auf Definition, Identifikation und Verständnis des Bewertungsobjekts. Wie bereits aus der Bewertung von Start-up-Unternehmen bekannt, sind Besonderheiten bei der Vergangenheitsanalyse sowie der Planungsplausibilisierung ebenso wie bei der Bestimmung der Phase der ewigen Rente zu beachten. Das bedeutet konkret:

  • die Vergangenheitsanalyse ist nicht mehr oder nur eingeschränkt geeignet, belastbare Prognosen für die Zukunft zu liefern;
  • für die Planungsrechnung sind Szenarioanalysen mittels Simulationsmodelle zu empfehlen;
  • dem Risikozuschlag kommt vor dem Hintergrund der wachsenden Dynamik bei steigender Volatilität eine besondere Bedeutung zu;
  • zwischen Detailplanungsphase und ewiger Rente kann vermehrt eine Konvergenzphase („Drei-Phasen-Modell“) erforderlich sein, bis nach disruptiver Entwicklung ein repräsentativer Zustand erreicht ist;
  • das steuerliche vereinfachte Ertragswertverfahren wird jegliche Aussagekraft verlieren.

Veränderung der Bewertungsprozesse

Die technische Herausforderung der Digitalisierung liegt in dem Umgang mit „Big Data“, welche mittels elektronischer Datenräume seitens des Unternehmensobjekts zum Zwecke der Bewertung zur Verfügung gestellt werden.

Die Verarbeitung der Big Data erfolgt mittels sogenannter Data-Analytic-Tools im Rahmen des Financial Modellings. Die Digitalisierung in der Unternehmensbewertung selbst ermöglicht einen verringerten Zeitaufwand für das Zusammenführen, die Harmonisierung, Aggregation und Analyse der Unternehmensdaten sowie eine komfortablere und bessere Dokumentation bei steigender Datenlage im Hinblick auf das Bewertungsobjekt sowie auf die Peer-Group-Unternehmen. 

Ist damit eine Unternehmensbewertung auf Knopfdruck für jeden Stichtag möglich?

Die Digitalisierung in der Unternehmensbewertung selbst schafft das Handling der Big Data und die Möglichkeit schnellerer Aktualisierungen des Unternehmenswertes auf den Stichtag sowie bessere Möglichkeiten der Szenarioanalyse und Darstellung. Es handelt sich jedoch keinesfalls um eine Bewertung auf Knopfdruck. Es bleibt vielmehr nach wie vor – wenn nicht sogar aufgrund der Digitalisierung und der damit einhergehenden Transformation beschleunigter wechselnder Marktgegebenheiten – in einem besonderen Maße von Nöten, Geschäftsmodellanalysen sowie Financial Modelling von Geschäftsmodellen mit Sachverstand durchzuführen bzw. durchführen zu lassen.

Der Anspruch an die Unternehmensbewertung, vor dem Hintergrund einer sich stets im Wandel befindlichen Umwelt, unter Anwendung anerkannter Bewertungsmethoden einen belastbaren Unternehmenswert zum Stichtag zu ermitteln ist nicht neu, sondern begleitet die Bewertungspraxis seit jeher. Die Anforderungen an die Arbeit des Bewerters werden jedoch aufgrund der zunehmenden Digitalisierung noch komplexer und erfordern daher erhöhte Analysekompetenzen insbesondere bezüglich des Geschäftsmodells, des Wettbewerbsumfelds und der Identifikation von Werttreibern. Mit der notwendigen Expertise, Know-how und Interdisziplinarität können die Erwartungen nach einer sachgerechten Bewertung sowie nach einer auf den Einzelfall individuell abgestimmten Beratung indes auch künftig stets erfüllt werden.
 

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