Der Einfluss der Corona-Pandemie auf den Strom und Gasnetzbetrieb und die Auswirkungen auf die vierte Regulierungsperiode

Erstellt von Hartmut Müller | |  Energy

Die Corona-Krise betrifft verschiedene Geschäftsbereiche der Strom- und Gasnetzbetreiber und hat somit nicht nur kurzfristige, direkt sichtbare Auswirkungen wie z. B. die Einführung von Kurzarbeit, sondern auch umfangreiche langfristige Folgen, welche im Nachfolgenden genauer diskutiert werden. Das Jahr 2020 stellt das Basisjahr für die Kostenprüfung im Gassektor dar, im Stromsektor gilt dies für das Jahr 2021. Dabei stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der angesetzten Aufwendungen im jeweiligen Basisjahr unter Berücksichtigung des derzeitigen pandemiebedingten Ausnahmezustands. Im Folgenden werden die unterschiedlichen Einflussgrößen, mit denen es sich hinsichtlich der Kostenprüfung zu beschäftigen gilt, erörtert.

Die Einschränkungen, die sich durch die Corona-Pandemie ergeben, beeinflussen bereits heute den Alltag der in der Gas- und Stromindustrie angestellten Personen. So sind aktuell kontaktnotwendige Tätigkeiten, wie z. B. ein Zählerwechsel oder die Weiterbildung der Mitarbeiter, nicht möglich und müssen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

Auch die Umstellung des Geschäftsbetriebs bestimmter Bereiche in das Homeoffice bringt Vor- und Nachteile in den Geschäftsbetrieb ein. Zum einen stehen Mitarbeiter nicht in dem Maße zur Verfügung wie es bisher der Fall war, da diese gegebenenfalls mit der Kinderbetreuung betraut sind. Zum anderen steht die Organisation des Geschäftsbetriebs zum Teil vor neuen Herausforderungen und muss Mitarbeiter in andere kritische und systemrelevante Bereiche einsetzen, wie z. B. der Leitwarte. Darüber hinaus findet eine Priorisierung der erforderlichen Maßnahmen statt, was bedeutet, dass niederpriorisierte Instandhaltungsmaßnahmen zurückgefahren oder zeitlich verschoben werden müssen. Damit entsteht in naher Zukunft ein Maßnahmenstau, den es zu bewältigen gibt.

Nicht nur Stadtwerke, Energieversorgungsunternehmen und Netzbetreiber stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen, sondern auch deren Dienstleister wie z. B. Tiefbauer oder Anlagenbauer. In Zeiten der Corona-Krise können verschiedene Maßnahmen daher nicht durchgeführt werden. Es entsteht ein Auftragsstau, der zu gegebener Zeit abgebaut werden muss. Ebenso werden Dienstleister mit einem Materialmangel konfrontiert, der auf eine reduzierte Produktion zurückzuführen ist. Erst wenn die Produktion bei den Zulieferern wieder anläuft, können auch Dienstleister wieder in vollem Umfang ihrer Tätigkeit nachgehen.

Bereits vor der Corona-Pandemie verfügten Unternehmen über eine Digitalisierungsstrategie, die durch die aktuelle Krise insbesondere in Hinblick auf Homeoffice ausgebaut bzw. umgesetzt wurde. Weitere Maßnahmen, um die Digitalisierung voranzutreiben, werden erst zukünftig umgesetzt werden können. Gerade durch die aktuell hohe Nachfrage ist mit einem Preisanstieg für solche Produkte zu rechnen, sodass bei Implementierung des Digitalisierungsproduktes in den nächsten Jahren höhere Aufwendungen anfallen werden, als derzeit prognostiziert wurde.

Alle diese genannten notwendige Maßnahmen werden aufgrund der Corona-Pandemie in die Nach-Basisjahre 2021 (Gas) und 2022 (Strom) verschoben, somit nicht im Basisjahr als Kosten beantragt und demnach nicht in der kommenden Regulierungsperiode erlöst.  

Die Grafik verdeutlicht die gegenwärtige Situation für einen Gasnetzbetreiber. Die auf Grundlage des Basisjahres 2015 genehmigten Erlöse gelten noch bis zum Ende der 3. Regulierungsperiode. Bereits in den nächsten Jahren 2021 und 2022 ist jedoch mit erhöhtem Aufwand für z. B. Digitalisierungsthemen oder verschobene Instandhaltungsaufwendungen zu kalkulieren. Da die genehmigten Erlöse für die 4. Regulierungsperiode auf Basis des Jahres 2020 berechnet werden, werden durch die genannten Aspekte (wie z. B. Kurzarbeit) manche Aufwendungen zu niedrig oder gar nicht angesetzt. Daraus folgen ab 2023 wirksam werdende genehmigte Erlöse, die zu niedrig angesetzt wurden und damit nicht die tatsächlich anfallenden Kosten für einen Netzbetreiber widerspiegeln.

Durch die beschriebene Situation werden Effekte in der Gewinn- und Verlustrechnung auftreten, die direkten Einfluss auf die Erlöse in der dritten und vierten Regulierungsperiode haben werden.

Effekte Dritte Regulierungsperiode

Die heutigen Aufwendungen übersteigen bereits die genehmigten Aufwendungen aus dem Basisjahr 2015.

So wurden Kostensteigerungen, wie z. B. Tariferhöhungen oder auch gestiegene Marktpreise für den Tiefbau, in den letzten Jahren der 3. Regulierungsperiode nicht kompensiert. Im Gegenteil unterlagen die Netzbetreiber bereits teilweise erheblichen Kostenkürzungen im Basisjahr und müssen zudem ihre aufwandsgleichen Kosten über den Zeitablauf der dritten Regulierungsperiode noch weiter abbauen. Auch zusätzliche neue Themenbereiche, wie z. B. IT-Kosten für die zunehmende Digitalisierung waren in den Aufwendungen im Basisjahr 2015 nicht enthalten. 

Effekte Vierte Regulierungsperiode

Die Effekte, die sich durch die Corona-Pandemie ergeben, müssen bei der Kostenprüfung im Basisjahr berücksichtigt werden und dürfen nicht z. B. aufgrund der gängigen Praxis der Regulierungsbehörde zur Mittelwertbildung geglättet werden. Zusätzlich anfallende Kosten werden in der Regel als Sondereffekte gestrichen.

Im Basisjahr werden aufgrund verschobener Instandhaltungsmaßnahmen die Material- und Fremdleistungen für die Netzbetreiber nur in reduzierter Höhe anfallen. Hinzu kommen niedrigere Personalaufwendungen aufgrund von Kurzarbeit und reduzierte sonstige betriebliche Aufwendungen durch den Wegfall von Reisetätigkeiten sowie Aus- und Weiterbildung.

Weitere durch die Corona-Pandemie bedingte Effekte sind in der Bilanz ersichtlich. So werden voraussichtlich Bilanzpositionen wie Forderungen durch steigende Zahlungsausfälle oder Rückstellungen in Form von Abweichungen von Lastprofilen aufgrund des geänderten Verbraucherverhaltens einen veränderten Bestand aufweisen. 

Ebenso lassen sich Effekte durch die Corona-Pandemie im Regulierungskonto feststellen. Die fehlende Liquidität wird durch kurzfristige Darlehen ausgeglichen, deren Zinsaufwendungen die Zinseffekte aus der Auflösung kompensieren könnten.

Unsere Empfehlung

Auswertungen und bereits stattfindende Projekte weisen auf eine Senkung von 5 bis 15 % der Aufwendungen hin.

In Hinblick auf die Kostenprüfung ist es notwendig alle Aufwandspositionen hinreichend zu analysieren. Hierzu ist eine detaillierte Dokumentation der Effekte und ihre Auswirkungen für die Darstellung und Plausibilisierung gegenüber der Regulierungsbehörde notwendig. Eine Analyse der Kosten- und Erlösentwicklung der letzten 4 Jahre gewährleistet einerseits eine Darstellung der durch Corona bedingten Reduktion der Kosten und stellt ebenso sicher, dass Sondereffekte ersichtlich sind. Hinsichtlich der Reaktion der Behörde kann aktuell noch keine fundierte Aussage getroffen werden. Es gilt jedoch: je besser die Dokumentation der Analysen und die Darstellung, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eine Einigung mit der Behörde zu erzielen.

Werden die Effekte durch die Corona-Pandemie vernachlässigt, führt dies unweigerlich zu einer (weiteren*) Reduzierung der Netzbetreiberrendite

*) Effekte durch Reduzierung EK-Verzinsung

Zurück