10 Jahre IDW S 1 i. d. F. 2008: Unternehmensbewertung in Zeiten der Finanz- und Staatsschuldenkrise

Erstellt von Jochen Breithaupt | |  BTadvice 12/2018

Vor nunmehr gut zehn Jahren, am 15. September 2008, musste die US–Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden.

Damit kumulierte die Immobilien- und Subprime-Markt-Krise, die bereits seit 2007 in den USA aber auch anderen Ländern zunehmend schwelte, offen zur Finanz- und Wirtschaftskrise mit gravierenden Auswirkungen auf die Finanz- und Realwirtschaft.

Ebenfalls vor etwa zehn Jahren, am 2. April 2008, wurde der IDW Standard: Grundsätze zur Durchführung von Unternehmensbewertungen (IDW S 1 i. d. F. 2008) vom Fachausschuss für Unternehmensbewertung und Betriebswirtschaft (FAUB) des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. verabschiedet. Der Standard legt vor dem Hintergrund der in Theorie, Praxis und Rechtsprechung entwickelten Standpunkte die Grundsätze dar, nach denen Wirtschaftsprüfer Unternehmen bewerten.

Die Neufassung des bis dahin gültigen IDW Standards für Unternehmensbewertungen aus dem Jahr 2005 diente im Wesentlichen der Anpassung an die Neuregelungen der Unternehmenssteuerreform 2008, der am 6. Juli 2007 vom Bundesrat zugestimmt wurde und durch die der Übergang des steuerlichen Halbeinkünfteverfahrens in das bis heute gültige System der Abgeltungsteuer begründet wurde.

Der IDW S 1 i. d. F. 2008 erlangte ungeachtet kritischer Stimmen und der zeitweiligen Verwerfungen an den Finanz- und Kapitalmärkten eine ausgesprochen breite Akzeptanz im Wirtschaftsleben und kommt bei verschiedensten Bewertungsanlässen – direkt oder indirekt – zur Anwendung. Beispielhaft und ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier drei Sachverhalte aufgeführt, die dies verdeutlichen:

•    Soweit eine sog. Fairness Opinion im Rahmen von Transaktionen zur Absicherung unternehmerischer Entscheidungen und zur Vermeidung von Haftungsrisiken für Organe von Unternehmen erstellt wird, erfolgt die Beurteilung der finanziellen Angemessenheit des relevanten Transaktionspreises regelmäßig unter Berücksichtigung der methodischen Grundsätze des IDW S 1 i. d. F. 2008; 

•    Im Rahmen der handelsrechtlichen Bilanzierung erfolgt die Bewertung von Beteiligungen unter unmittelbarer Berücksichtigung der im IDW S 1 i. d. F. 2008 dargelegten betriebswirtschaftlichen Grundsätze; 

•    In Erbschaft- und Schenkungsfällen lässt die Werthierarchie des § 11 Abs. 2 BewG bei der Ermittlung des gemeinen Werts von Anteilen an Kapitalgesellschaften, die nicht börsennotiert sind, eine Bewertung nach einem Zukunftserfolgswertverfahren des IDW S 1 i. d. F. 2008 zu. Dies wird i. d. R. dann in Betracht kommen, wenn alternative Verfahren nicht möglich sind oder aber – wie oftmals das sog. vereinfachte Ertragswertverfahren nach §§ 199ff. BewG – zu nicht sachgerechten Ergebnissen für den Steuerpflichtigen führen.

Wenn auch im Rahmen von aktien- und umwandlungsrechtlichen Strukturmaßnahmen in Abfindungsfällen im Zusammenhang mit dem Abschluss von Beherrschungs- und Gewinnabführungsverträgen oder dem Ausschluss von Minderheitsaktionären gerichtlich ausführlich über Unternehmenswerte gestritten wird, erfolgt dies meist i. Z. m. der interessengeleiteten Ausprägung einzelner Bewertungsparameter oder Planannahmen. Den hierbei berücksichtigten berufsständischen Verlautbarungen des IDW kommt zwar kein Rechtsnormcharakter zu; sie bilden aber nach überwiegender gerichtlicher Meinung eine – wenn auch nicht unumstrittene – so doch anerkannte Expertenauffassung und Erkenntnisquelle für das methodisch zutreffende Vorgehen bei der Ermittlung des Unternehmenswerts. 

Woraus ergibt sich nun die breite Zustimmung zum IDW S 1 i. d. F. 2008 in Zeiten volatiler Finanz- und Kapitalmärkte?

Anders als vielleicht jüngst unter dem Deckmantel der allseits populären Digitalisierung vermarktet, handelt es sich bei Unternehmensbewertungen durch Wirtschaftsprüfer nach IDW S 1 i. d. F. 2008 nicht primär um die Anwendung von Rechenalgorithmen, die – konsistente Dateneingabe vorausgesetzt – den Unternehmenswert auf Knopfdruck liefern. Vielmehr verlangt jeder Bewertungsfall seine eigene fachgerechte Problemlösung; der IDW S 1 i. d. F. 2008 legt hierzu einen Rahmen, innerhalb dessen eine sachgerechte Lösung im Einzelfall abgeleitet werden muss. 

So trennt der IDW S 1 i. d. F. 2008 zunächst – je nach Bewertungsanlass – methodenunabhängig in objektivierte und subjektive Wertfindungen, um auf diese Weise u. a. die Perspektive, aus der bewertet wird, und den grundsätzlich dabei zu berücksichtigenden Informationsstand zu bestimmen und dem Adressaten der Bewertung zu verdeutlichen. Erst danach definiert er die – insbesondere für investitionstheoretische Zukunftserfolgswertverfahren, wie das gebräuchliche Ertragswert- oder Discounted-Cashflow-Verfahren – grundsätzlich relevanten Planungsrechnungen und korrespondierenden Kapitalkosten, um schließlich zu den eigentlichen Bewertungsmethoden i.e.S. zu gelangen. Insoweit liefert der Standard einen generell und weitgehend unabhängig von spezifischen Branchen und wirtschaftlichen Entwicklungen anwendbaren Rahmen, den es in der Bewertungspraxis sachgerecht auszufüllen gilt.

Ausschlaggebend für den Erfolg und die Akzeptanz des IDW S 1 i. d. F. 2008 in der Bewertungspraxis und nicht zuletzt bei Finanzbehörden und Gerichten war hierbei, neben der grundsätzlichen methodischen Klarheit letztlich sicherlich, dass in der praktischen Umsetzung des Standards durch Wirtschaftsprüfer von Anfang an ein Schwerpunkt in der vertieften Analyse des zu bewertenden Geschäftsmodells innerhalb der erwarteten Markt- und Wettbewerbsentwicklung und der entsprechenden Abbildung in der Planungsrechnung lag.

Diese Fokussierung war insoweit interessant, als dass sich der IDW S 1 i. d. F. 2008 der Thematik Plausibilisierung der Planung gerade einmal auf einer von insgesamt 179 Textziffern explizit zuwendet.  Erst Anfang 2017 fasste der IDW dann wesentliche Anhaltspunkte, die bei der Plausibilisierung von Planungen durch Wirtschaftsprüfer zu beachten sind, schriftlich zusammen und dokumentierte damit die im qualifizierten Berufsstand bereits seit Jahren gelebte Praxis. 

Die Verantwortlichkeit für die Erstellung der Unternehmensplanung obliegt regelmäßig der Geschäftsführung bzw. dem Management eines Unternehmens. Der Wirtschaftsprüfer, der eine Unternehmensbewertung erstellt, will und kann nicht der bessere Unternehmer sein. Er wird jedoch im Rahmen seiner Analysen zur Plausibilisierung der Planungsrechnung die Planungsprämissen der Geschäftsführung und deren Dokumentation kritisch hinterfragen und gegen die eigenen Erkenntnisse aus der Vergangenheitsanalyse, der erwarteten Markt- und Wettbewerbsentwicklung sowie der Analyse von Wettbewerbern spiegeln.
Hierbei stellt sich oftmals heraus, dass die vorliegenden Planungen und die zugehörige Dokumentation ergänzt werden müssen. Unternehmensbewertungen benötigen üblicherweise eine mehrjährige Abbildung potentieller Entwicklungen. Regelmäßig wird seitens der Unternehmen in diesem Zusammenhang Kritik dahingehend geübt, dass doch das eigentliche Geschäft ohnehin nur auf kürzere Frist vorhersehbar sei und operativ gesteuert würde und alles über einen bestimmten Horizont hinausgehende einer Glaskugelbefragung entspräche.

Gleichwohl sollte der Aufbereitung und Dokumentation der Planungen eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Gerade aus dem Umstand, dass es sich hierbei um zukunftsbezogene Informationen handelt, die aus dem Blickwinkel des Bewertungsstichtags erwartete oder angestrebte Entwicklungen abbilden, folgt, dass die Validität und Belastbarkeit der Bewertungsergebnisse im Nachgang gegenüber Dritten entscheidend von der Plausibilität der getroffenen Planannahmen und deren Dokumentation abhängen. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass sich die Planungsrechnung einem absoluten Richtigkeitsurteil entzieht. Vielmehr bestehen Spielräume bei der Einschätzung von unsicheren künftigen Entwicklungen, so dass die Planungen und deren Annahmen lediglich dahingehend beurteilt werden können, ob sie nachvollziehbar, konsistent und frei von Widersprüchen sind.
„Bewerten heißt vergleichen“, wie der leider am 7. April 2018 verstorbene Prof. Adolf Moxter bereits in den 80er-Jahren formulierte und damit ein grundsätzliches Wesensmerkmal jeder Unternehmensbewertung zusammenfasste.  Vergleicht man nun die Entwicklung der Unternehmenspreise am transparenten Beispiel börsennotierter Unternehmen, so zeigten DAX bzw. DOW JONES folgende Entwicklung in den letzten zehn Jahren:

Nach dem drastischen Kurseinbruch der Jahre 2008/2009 kam es – wenngleich zum Teil unter deutlichen Schwankungen – in den letzten Jahren zu einem anhaltenden Kursaufschwung und die Indizes notieren aktuell nahe historischer Höchststände. Das mittlere Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der im DAX notierten Titel nahm von Mitte 2008 mit rd. 9,5 bis Mitte 2018 um nahezu 40 % auf nunmehr rd. 13,2 zu. 

Wenngleich Deutschland und andere Teile der Welt sich zum Teil seit Jahren in einem positiven konjunkturellen Aufwärtstrend bewegen und damit die Rezession des Jahres 2009 und die Staatsschuldenkrise in den Folgejahren zunehmend verblasst, befinden sich einige Volkswirtschaften sicherlich weit entfernt von einem aus Vorkrisensicht beurteilten Normalzustand. So sind etwa die Zinssätze nach wie vor ausgesprochen niedrig: Lag der im Rahmen von Unternehmensbewertungen herangezogene quasi-risikolose Basiszins, der aus Zinsstrukturdaten der deutschen Bundesbank abgeleitet wird, für Deutschland zum 31. Dezember 2007 noch bei 4,75 %, liegt er aktuell bei 1,00 %.  Die Staatsverschuldung – gemessen als Anteil am Bruttoinlandsprodukt – lag im Euroraum (Euro 19) zum 31. Dezember 2007 noch bei rd. 65,0 %, in den USA bei rd. 62,9 %. Zum 31. Dezember 2017 liegen die Werte hingegen bei rd. 86,7 % bzw. rd. 103,3 %. 

Und so mehren sich anlässlich des zehnten Jahrestags der Insolvenz von Lehman Brothers bereits die Stimmen in der Wirtschaftspresse, die wieder dunkle Wolken am Wirtschaftshimmel aufziehen sehen. Es wird zunehmend vor Überbewertungen und Blasenbildung, Risiken protektionistischer Wirtschaftspolitik und den Folgen anziehender Zinsen, etwa auf Staatshaushalte aber auch die Bewertung und Bilanzierung von Unternehmen, gewarnt. 

Aus dem Blickwinkel der Unternehmensbewertung kann man hierzu festhalten, dass der IDW S 1 i. d. F. 2008 in den letzten zehn Jahren turbulenter wirtschaftlicher Entwicklung seine Qualitäten erfolgreich bewiesen hat. Sowohl aufgrund des unverändert gültigen konzeptionellen Rahmens als auch durch den Fokus des qualifizierten Berufsstands auf der Plausibilisierung von Geschäftsmodellen und deren Abbildung in der Planung ist damit auch zukünftig ungeachtet der eintretenden wirtschaftlichen Entwicklungen die Grundlage für sachgerechte Bewertungslösungen gelegt.